Startseite
Rosen
Rosen 1
Rosen 2
Rosen 3
Rosen 4
C. Klein
Berichte + Fotos
Berichte + Fotos

 

 

 

 

 

Das Design Zentrum
stellt Sammler und ihre geschmacksneutralen Marotten
im Wagenfeld Haus vor.


Die Ausstellung
"Meins - Suchen, Sammeln, Leidenschaft" ist bis zum 5. Oktober zu sehen.
Kitschigkeit kennt keine Grenzen


aus: Tach auch! - Das Online-Magazin der Bremer Tageszeitungen AG-Dateien vom 6.8.2003

Die Bremerin Ilka Wendler sagt es ganz offen: "Einerseits interessiert mich als   Designerin die gute Form, andererseits fasziniert mich dieser Kitsch maßlos"
Was soll sie auch sagen angesichts der beiden Vitrinen im Wilhelm Wagenfeld Haus, die sie als Sammlerin der optisch furchtbarsten Kitschfiguren ausweist? 500 schrillbunte Aufzieh-Spielzeuge hat Ilka Wendler seit 1985 gekauft und getauscht. In der Ausstellung "Meins" des Bremer Design Zentrums, die morgen um 11 Uhr eröffnet wird, haben zwölf Sammler die manchmal ziemlich skurrilen Objekte ihrer scheinbar grenzenlosen Begierde aufgebaut.

Gerhard Schreve-Liedtke aus Ottersberg rauchte in seinem Leben ein einziges Mal eine Zigarre (und es wurde ihm fürchterlich schlecht) – aber die Zigarrendeckelbilder haben ihn so begeistert, dass er diesem Thema sogar seine Diplomarbeit widmete. Die Vielfältigkeit seiner im Wagenfeld Haus nur im Ausschnitt zu sehenden Sammlung lässt eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung zu – 15 000 dieser farbenfrohen Bilder aus dem 19. Jahrhundert bis in die Endzeit der Weimarer Republik hat der Enkel eines Bremer Zigarrenmachers angehäuft. Und so erfährt der erstaunte Besucher, dass selbst Papst Pius VIII. als Zierde eines Kastens mit hoffentlich aromatischen Havannas herhalten musste.
 

 

 

 

 


Dagmar Hilbert, die das Design Zentrum jetzt nach vielen Jahren Aufbauarbeit verlässt, und Pia Dekorsy haben die Ausstellung über "Suchen. Sammeln. Leidenschaft" in den vergangenen anderthalb Jahren vorbereitet. Anders als sonst aus dem Wagenfeld Haus gewöhnt, komponierten sie statt einer ernsthaften wissenschaftlich fundierten Präsentation eine Schau vielfältiger Fassetten des populären Designs. Ein paar Erklärungen zu den Sammlern – das reicht als textliche Ergänzung einer Ausstellung, die ersichtlich ohne einen Kontrolleur des guten Geschmacks auskommt.

Geschmack oder gar gute Gestaltung – für eingefleischte Sammler wie den Osterholzer Alfred Kruse und seine 10.000 Rosenpostkarten ist das kein Kriterium. Hauptsache Rosen auf Papier – nur das zählt. Da geht es Jasmin Diering mit ihren 2900 Radiergummis oder Arne Olsen, der allmählich in Kronkorken baden könnte, nicht anders. Backformen der leidenschaftlichen Kuchen-Genießerin Anette Flentje, Kreisel oder Wasserkugelschreiber mit Schiffen und sich entblößenden Menschen von Andrea Kleine, Treibgut aus Nord- und Ostsee von Michael Albert Steen, die Milchkännchen eines Jahrhunderts von Sigrid Kruse – diese Sammlungen und Karin Schwarmanns auf allen Kontinenten gefundenen Salz- und Pfefferstreuer (sie besitzt 1200!) gehören durchweg in die Sparte "putzig, aber schaurig".

Einen gewissen ästhetischen Eigenwert besitzen dagegen Martin Büchlers 50 Schutzblechfiguren und Steuerkopfschilder. Hinter diesen Wortungetümen verbergen sich jene Markenzeichen von Firmen wie Vaterland, NSU, Rixe, Triumph, Sigurd oder Göricke , die einst wie der ungleich bekanntere Mercedes-Stern Fahrräder, Mopeds und Motorräder windschnittig zierten.

Aus dem Rahmen fällt zudem eine Sammlung von Seifenschalen, Fliesen und Kacheln, die der Verein Bauteilbörse Bremen (Telefon 57 96 088) in Abbruchhäusern und in Sanierungsobjekten sammelt und an Interessierte weiter verkauft.

In einer völlig anderen Liga spielen Ulla und Lothar Hübl, Wirtschaftswissenschaftler aus Hannover. Sie sammeln seit Jahren mit großem Sachverstand Produkte, die von Wilhelm Wagenfeld gestaltet wurden. Das Ehepaar hat jetzt einen Teil seiner Sammlung, die von WMF und Jenaer Glas produzierten Objekte, an das Wagenfeld Haus gestiftet und dessen Archiv damit wesentlich angereichert. Die WMF-Produkte sind als Ausstellung in der Ausstellung zu sehen.

Besucher der Schau sollten in dieser neuen Sonderschau nicht nach tiefschürfenden Gedanken über das Sammeln oder gar die Objekte der Alltagskultur suchen – es gibt sie nicht. Und auch die Auswahl der Sammlungen scheint ziemlich zufällig. Spaß soll es machen – mehr nicht. Und alle Streichholzschachtel-, Kugelschreiber-, und Bierdeckel-Fans werden befriedigt feststellen, dass sie mit ihren Spleens nicht allein auf dieser Welt sind.

Eines fehlt jedoch: die Mutter aller Sachensucher-Leidenschaften, die Briefmarkensammlung. Das wird sich noch ändern: Jeder Besucher ist aufgefordert, bis zum letzten Tag der Schau eine möglichst originelle Briefmarke mit ins Wagenfeld Haus zu bringen. Eine Jury wählt am Ende die schönste Marke und prämiert den Einlieferer – mit einem Sammelstück von Wilhelm Wagenfeld.

Peter Groth